Drei Tage ohne Strom

just get started
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Zumindest ohne den fließenden aus der Steckdose. Das war der Plan zu dem Unternehmen von Hannah und mir mit dem Kanu drei Tage über die Lahn zu fahren. Geboren wurde der Wunsch dies zu tun vor 30 Jahren als ich in meiner frühen Jugend eine Cassette (!) mit dem Hörspiel der TKKG Bande „Der Schatz in der Drachenhöhle“ hörte. Dort geht die Gruppe in einem Kanu auf Reisen. Seitdem wollte ich das ebenfalls machen.

 

Nach erfolgter Buchung fuhren Hannah und ich nach Leun an den Treffpunkt mit dem Kanuverleih. Los ging es am Donnerstag, 08.08.2013, um Uhr 6:30, schließlich hatten wir 200 km zu fahren und der Zeitpunkt zum Treffen war Uhr 9:00. Wir waren pünktlich und der Verleih http://www.kanu-lahn-dill.de/ ebenso. Die Formalitäten und der Geldaustausch waren schnell erledigt, das Boot wurde zu Wasser gelassen, wir stiegen ein und um Uhr 9:20 fuhren wir Kanu.

 

Der Tag 1

 

Das Wetter war, wie soll man es beschreiben, hellgrau, die Temperatur lag bei um die 22°C und es wehte ein laues Lüftchen, wir waren allein. Ziel war es an diesem Tag bis Gräveneck zu paddeln, das sind immerhin 24,5 Fluss Kilometer. Nach einem Kilometer war dann die erste Unsicherheit des Kapitäns zu beobachten, er steuerte unter einer Trauerweide hindurch und verpasste der ersten Offizierin drei Schrammen und dem Kaleun dreckige Klamotten. Das erste Hindernis für uns war an einem Rastplatz nach 11 Kilometern in Selters anzuhalten, was aber mit einem nassen Fuß doch recht gut funktioniert hat. Kurz danach kam das erste unserer acht Probleme in Sicht, eine Schleuse. Hier herrscht Selbstbedienung, allerdings kann Hannah weder das Kanu alleine dort durchpaddeln noch die Schleuse alleine bedienen. Hier gab es dann an Land zwei willige jugendliche Helfer die die Aufgabe für uns mit Bravour erledigten. Das ist schon komisch wenn hinter dir zwei recht dünne Torwände ca. 1,50 m Wasserhöhe zurückhalten, zudem sind die Tore nie dicht, es sprudelt immer ein wenig Wasser durch die eine oder andere Lücke. Ein Kanu mit zwei Mädchen schleuste mit uns durch und meine Hoffnung auf Hilfe für den Tunnel stieg. Der Tunnel! Dunkel und ungewiss ist er, am Ende sieht man ein wenig Tageslicht, in (!) ihm soll eine Doppelschleuse auf uns lauern. Unsere geplante Hilfe, die zwei Mädchen fuhren allerdings weiter und mussten somit zwei Kilometer länger paddeln und zudem noch das Boot an zwei Wehren vorbeitragen, Feiglinge vor dem Feinde. Wir hatten somit unsere zweite Pause und warteten auf Hilfe in Form anderer Kanuten. Nach einer halben Stunde beschlossen wir das Abenteuer alleine zu wagen, so muss sich Kolumbus gefühlt haben. Wir fuhren in das schwarze Loch, bedrückend, dunkel, hallend und unheimlich. Am Ende des Tunnels dann die erste der beiden Doppelschleusen, eine schwarze Wand und wir waren immer noch ratlos was zu tun sei. Der Plan war dann das Boot an der Leine, die zu kurz ist, mit einem Paddel zu verlängern und das Kanu hindurchzuziehen. Aber wir hatten wieder Glück, ein Rad fahrendes Pärchen war fasziniert vom Schleusen und erledigte das für uns an beiden Schleusen. Gerettet! An der dritten Schleuse drei Kilometer vor dem Ziel, dem Zeltplatz in Gräveneck kamen wir zu einem Deal mit einem österreichischen Pärchen in einem Gummikanu, wir bedienten die Schleuse und die beiden nahmen unser Kanu mit durch. Am Zeltplatz angelangt halfen uns einige Jugendlich das Kanu über eine Stahltreppe anzulanden, wir meldeten uns an und bauten unser Zelt auf. An diesem Zeltplatz gab es ein Restaurant und wir labten uns an zwei hervorragenden Pizzen. Schlafen! Medin Körper ist für bodennahes Liegen auf dünnem Schaumstoff nicht geschaffen, vielleicht liegt es am Alter. Sollte eine ähnliche Unternehmung noch einmal durchgeführt werden muss hier auf Extremste nachgebessert werden.

 

Tag 2

 

Frühstück im Zelt mit Tee und Milchbrötchen, abbauen, einbooten und losfahren. Das beschreibt die ersten zwei Stunden des Tages. Die Etappe für diesen Tag führte über 17,5 km. Zuerst haben Hannah und ich uns über den „Stau“ auf der mitgegebenen Karte lustig gemacht, aber dann merkten wir schnell, dass damit die Fließgeschwindigkeit des Flusses gemeint ist. Am Tag davor hatten wir doch eine ganz gute Strömung von, laut Karte, 2-3 km/h, aber heute wurde es mühsam. Das Kanu mit glattem Boden fährt sich ähnlich wie ein Einkaufswagen mit dem man bergab rollt. Alle zwei Schläge mit dem Paddel wechseln auf die andere Seite und das bei minimaler Geschwindigkeit und teils Gegenwind. Da hätte ich gedacht das stört nur beim Radfahren, leider ungeil. Die erste Schleuse von Zweien an diesem Tage hatten wir einige Boote mit dabei und konnten uns so mit durchschleusen lassen. Mittag haben wir mit Eis und der restlichen Pizza vom Vortag auf einem sonnigen Steg gemacht. Und weiter ging es über die fast nicht fließende Lahn bis zur letzten Schleuse in Runkel, auch hier hatten wir zum Glück wieder hilfsbereite Menschen. Einen Kilometer später dann die Anlegestelle zum Campingplatz mitten in einer Schnelle. Aber auch das ging doch unerwartet unproblematisch. Ein Campingplatz mit sehr entspannten Betreibern und ebenso entspannten Bewohnern. Hannah hat sich gleich beim Anlegen mit zwei Mädchen angefreundet und war bis zum ins Bett gehen nicht mehr gesehen.

 

Tag 3

 

Wieder die zwei bis drei Stunden mit diesmal Kaffee, Müsli, abbauen einladen, verabschieden, Traurig sein, einbooten und abfahren. Es blieben nur noch 9,6 Fluss Kilometer bis Limburg. Die ersten Kilometer hatten wir eine sehr angenehme Strömung mit einigen Schnellen dabei, allerdings war auch merklich mehr los auf der Lahn, es war schließlich Samstag. Das ruhige alleinige Fahren der Vortage war vorbei. Pause haben wir in Dehrn gemacht und uns ein tolles Eis gegönnt. Die letzten Kilometer bis Limburg waren dann wirklich mühsam, keine Strömung und viel Wind von vorne.

 

Schlussendlich kamen wir unter der Autobahnbrücke bei Limburg an der Slip Anlage an und haben unser Boot aus dem Wasser geholt, sauber gemacht und dann hatten wir noch Zeit nach Limburg zu gehen und einen Blick in den Dom zu riskieren, schickes Ding, aber der Aachener ist schöner. Wir wurden dann von http://www.kanu-lahn-dill.de/ vor Ort abgeholt und zum Ausgangspunkt zurückgebracht.

 

Fazit

 

So ein schönes Vater-Tochter Abenteuer würde ich jederzeit wieder machen, entschleunigt drei Tage abschalten. Die Backup Systeme in Form von Nintendo und iPod wurden nicht mal angefragt. Wir haben stattdessen gelesen, Hannah ein „Donald Duck“ Taschenbuch und ein „Mia and Me“ Buch und ich hatte „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson angefangen. Und das nächste Mal habe ich eine bessere Matratze dabei und es darf schneller fließen!

 

 

Wir waren Helden!

Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun.

Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt.

Wenn du als Kind in den 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt mit Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen und auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei, die gab es noch nicht!

Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht". Kannst du dich noch an "Unfälle" erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht besonders.

Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, XBox, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Aber wir hatten Freunde!!!

Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns. Wie war das nur möglich? Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer, und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir auch nicht besonders viele Augen aus.

Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte damals nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht automatisch aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren oft der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas! Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht.

Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen.

Und du gehörst auch dazu! Herzlichen Glückwunsch, du bist ein Held!

 

Wer sein Kind liebt, der leistet Widerstand.

Wenn's nich' rockt isses für'n Arsch!

(Charlotte Roche)

Wer mit übber 22 km/h nach L'Alpe d'Huez hinaufradelt und ohne Doping vielleicht bei nur knapp über 20 läge, ist ein Held - und Schluss! Hat Siegfried nicht auch im Drachenblut gebadet, und gilt er trotz Wettbewerbsverzerrung nicht seit ca. 1600 Jahren als ein gewaltiger Held. Ullrich, dem sein eigenes Blut genügen musste, hat nur getan, was alle taten, und der einzige Vorwurf, den man ihm wohl machen muss, ist der, dass er auch beim nichtlegalen Leistungssteigern weniger klever war als sein US Konkurrent.

(Michael Klonovsky, Radfahren)

Wenn Radsport einfach wäre, dann hieße er Fußball.